Die Barkhauser Reithalle – wie sie entstand und wieder entschwand

Fritz W. Franzmeyer

„Nun rate mal, was das ist und wo du es in groß schon oft gesehen hast.“ Edith Borchert, die uns besuchte, hielt mir das Logo im Briefkopf eines Schreibens – den Absender hielt sie verdeckt – unter die Nase, und ich begann, in meiner Erinnerung zu kramen. Nur mit Mühe kam ich drauf – ohne zu wissen, was genau sich hinter den Buchstaben verbarg: Es handelte sich um das Emblem des „Minden-Ravensberger Pferdezucht- und Reiterverein e. V.“ Meine Erkenntnjsschwäche muss man mir nachsehen. Mein Umgang mit Pferden liegt ein Dreivierteljahrhundert zurück und beschränkt sich auf gelegentliche Ausritte in die Barkhauser Koppel auf dem Apfelschimmel vom Hof Kütemeyer – bis das brave Tier mich mal ungewollt abwarf und ich vom Reiten ein für alle mal genug hatte. Das Schreiben nun stammte vom Kreisverband der Reiter mit Sitz in Minden. Mitglied ist dort auch der Reiterverein Porta Westfalica“, dessen Vorsitz damals, zu Beginn der 1960er-Jahre, der Barkhauser Arzt Dr. Wilhelm Erffmeier innehatte.

Briefkopf eines Spendenaufrufs an die Vereinsmitglieder vom Dezember 1960, Quelle: Edith Borchert

In groß hatte das Emblem die Nordfassade der Barkhauser Reithalle am unteren Teil des Weges zur Freilichtbühne und zum Denkmal geziert. Es handelte sich um eine schwarz-weiß bemalte Metallscheibe von etwa 60 cm Durchmesser. Wie oft war ich achtlos und ohne Blick für Details an dem nun schon seit langem leerstehenden und unansehnlich gewordenen Gebäude vorbeigelaufen. Bis zu Beginn des Jahres 2026. Da wurde es im Zuge der Sanierung des gesamten Kaiserhof-Komplexes abgerissen (Bauprojekt Kaiserhof 2.0). Das Emblem wanderte zunächst ins Depot des Vereins – bis der es erst jüngst Edith Borchert vermachte, bei der ich es nun aus allernächster Nähe betrachten konnte.

Metallene Emblem-Scheibe des Reitervereins ehemals an der Reithalle, im Besitz von Edith Borchert
Barkhauser Reithalle, Nordfassade mit Vereinsemblem
Abriss der Reithalle im Januar 2026 (Foto vom 05.03.2026)

Die Reithalle war Teil des zum ehemaligen Hotel Der Kaiserhof gehörigen Gebäude-Ensembles. Sie hat wie der ganze Komplex eine bewegte Geschichte (Hotel der Kaiserhof). Das Hotel wurde zu Beginn der 1890er-Jahre von der „Actiengesellschaft Porta Westphalica“ errichtet. Insofern verwundert es, dass erst für 1895 eine Gründungsurkunde existiert. Das dürfte jedoch damit zusammenhängen, dass das Haus erst einige Jahre nach der Eröffnung seinen endgültigen Ausbauzustand erreichte. Dazu gehörte dann auch der Große Festsaal mit seiner Kapazität für 1.000 Gäste. In ihm fanden zu seiner Frühzeit die Einweihungsfeier für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und die festliche Kirchweih statt. Ein halbes Jahrhundert lang wurde er einschlägig genutzt, so von der KAMIPO –  der Karnevalsgesellschaft Minden-Porta – und den großen Vereinen.

Großer Festsaal des Hotels Der Kaiserhof 1924

Dann kam der Zweite Weltkrieg, in dessen späterem Verlauf die Lust am Feiern verkümmerte und das Sicherheitsrisiko wie auch der Sicherheitsaufwand (Verdunkelung!) für große Feste wuchsen. Als 1944 die alte, seit dem Bau des Denkmals nicht mehr bewirtschaftete Steinbruch-Höhle oberhalb des „Kirschenbrinks“ und schräg oberhalb der Freilichtbühne zu unterirdischen Produktionsstätten für kriegswichtigen Erzeugnisse ausgebaut wurde, richteten die Nazis im Großen Festsaal eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme ein, in der die Zwangsarbeiter untergebracht und gequält wurden, welche die Produktionsstätten im Jakobs- und Wittekindsberg fertigzustellen hatten. Betroffene Überlebende haben dazu erschütternde Erinnerungen zu Papier gebracht. Dies ist heute in Porta Westfalica ausführlich dokumentiert (KZ-Gedenkstätte), neuerdings auch unmittelbar gegenüber dem Kaiserhof, auf dem früheren Wendeplatz der Straßenbahn.

Als die Häftlinge in den ersten Apriltagen 1945 mit dem Näherrücken der Alliierten den zur Schlafstätte und Folterkammer umgerüsteten Festsaal wieder verlassen hatten und Richtung Bergen-Belsen getrieben wurden, begann wiederum ein neues Kapitel für den Kaiserhof. Das Hotel wurde bald von den Briten für Zwecke der Militärverwaltung requiriert, der Festsaal dagegen verwaiste. In einigen Wintermonaten nutzten ihn die Handballer gelegentlich, eine Filmproduktionsgesellschaft versuchte sich darin, während sich die Vereine andere Feierstätten suchten. Ein nachhaltiges neues Nutzungskonzept war nicht in Sicht. Mehr als ein Jahrzehnt verfiel der Saal zusehends. Sanierungskosten von bis zu 1 Mill. DM drohten, die der Hotel- und Restaurantbetrieb nie abwerfen würde.

Da traf es sich gut, dass der Minden-Ravensberger Reiterverein auf der Suche nach einer Reithalle mit Freigelände war, wo Übungen, Turniere und Pferdeschauen stattfinden konnten. Der Ehrenvorsitzende des Vereins, Weingroßhändler Frerichs aus Minden, der auch den Kaiserhof belieferte, von daher den Saal kannte und ihn für die Zwecke des Vereins sehr geeignet fand, führte hauptsächlich die Verhandlungen. Nach langem Zögern und wohl auch schweren Herzens entschloss sich die Eigentümerfamilie Behnke/Vonalt zu dem radikalen Umbau. Der versprach doch wenigstens geregelte Pachteinnahmen, auch wenn diese angesichts der Höhe externer Finanzierungsbeiträge nicht allzu hoch gewesen sein dürfte.

Die Entscheidung wäre heute so nicht mehr möglich gewesen, denn 1983 wurde der Kaiserhof unter Denkmalschutz gestellt. Durch den Umbau ging wertvolle Bausubstanz verloren, insbesondere die auf dem Festsaal-Foto erkennbare Fachwerkkonstruktion unter der Decke. Elli Vonalt beklagte in ihren Lebenserinnerungen denn auch das „häßliche Dach aus Eternitplatten“, was man anhand des Fotos von den zwei Bauwerken – vorn der alte Kaiserhof und dahinter die neue Reithalle – gut nachvollziehen kann. Das Denkmalamt hätte dem Entwurf also mit ziemlicher Sicherheit die Genehmigung versagt. Damals aber gab es noch keinerlei ästhetische oder konservatorische Beschränkungen, und dem Architekten dürfte es mit Sicherheit zur Auflage gemacht worden sein, so kostenschonend wie möglich zu bauen. Allerdings hat zu Beginn der derzeitigen Sanierung die Diskussion um die Laubenhalle gezeigt, dass wie vielerorts so auch hier Kompromisse möglich und nötig waren.

Kaiserhof und Reithalle, zwischen 1968 und 2011

Auf Seiten des Vereins war die Begeisterung offenbar so groß, dass der Bau in Auftrag gegeben wurde, ohne dass die Finanzierung vollständig gesichert war. Es handelte sich um eine aufwendige Maßnahme, die sich über nicht weniger als acht Jahre – von 1961 bis 1968 – hinzog und für die Kosten von über 200.000 DM gestemmt werden mussten. Der Brief der Vereinsführung von Dezember 1960 mit besagtem Logo enthielt denn auch im wesentlichen eine Bitte an die Vereinsmitglieder um Spenden. Ein leider undatiertes „Rezept“ von Dr. Erffmeier enthält die Aufstellung der gesamten Kosten, der eingeworbenen Mittel von Bund, Land NRW, Gemeinde Barkhausen, Fa. Melitta und aus privaten Spenden – darunter deutlich mehr als die Hälfte von Erffmeier selber. Zudem wird hervorgehoben, dass die in Minden stationierten Pioniere der Bundeswehr erhebliche Gratis-Arbeit beim Bau der Tribüne und der Bande geleistet hätten. Die Aufstellung zeigt aber auch ein großes finanzielles Defizit, von dem hier nur geraten werden kann, wie es schließlich abgedeckt wurde. Vermutlich musste ein Kredit aufgenommen werden, der noch über Jahre hinweg verzinst und getilgt wurde. Das dürfte dem Verein umso schwerer gefallen sein, als ja nun auch Pacht für die Halle gezahlt werden musste. Die hing sicher auch vom Beitrag des Kaiserhofs selber ab. Darüber ist leider nichts bekannt

Kostenaufstellung für den Bau der Reithalle, 1968 oder später, Quelle: Edith Borchert
Das noch nicht fertige Innere der Reithalle mit Reitlehrer Heinrich Krömker und zweien seiner Reitschüler, 1963 oder 1964, Quelle: Edith Borchert

Doch Mühe und Aufwand lohnten sich. Über ein halbes Jahrhundert lang hatte der Reiterverein ein rundum taugliches, bei Mitgliedern und Publikum beliebtes Domizil. Auch viele Kinder fanden sich in einer ständigen Voltigiergruppe oder zu gelegentlichen Freizeitgestaltungen zusammen. Zum ersten Turnier erschien sogar kein Geringerer als Springreiter Hans Günter Winkler, der für Deutschland auf seiner Stute Halla viele Olympiamedaillen gewann und auch Weltmeister wurde. Doch im Verein wurde am Kaiserhof nicht nur geritten uns gesprungen. Da der Große Festsaal zum Feiern ausfiel, hatte die Eigentümerfamilie den ja noch intakt verfügbaren Kleinen Saal umso anspruchsvoller für diesen Zweck hergerichtet. Das machte sich auch der Reiterverein zunutze und veranstaltete dort regelmäßig seinen Jahresball.

Dann, im Dezember 2011, brannte das Hauptgebäude des Hotels der Kaiserhof aus. Zwar blieb die Reithalle unversehrt, doch mutmaßliche Schwierigkeiten bei der Brandbekämpfung veranlassten Behörden und Feuerwehr zu einer genaueren Prüfung. Sie kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass die Halle aus feuerschutztechnischen Gründen geschlossen werden müsse. Dies geschah dann um das Jahr 2005. Wem die Örtlichkeit vertraut ist und wer deshalb nicht erkennen kann, wo die Feuerwehr hier Zufahrtsprobleme hätte haben können, darf darin vielleicht eine gewisse Überreaktion sehen. Auch um ein paar zusätzliche eigene Feuerlöscher wäre der Verein sicher nicht verlegen gewesen. Doch – man spüre den genius loci – hatte der Amtsschimmel das letzte Wort; die Pläne zum Bürokratieabbau waren noch nicht ausgebrütet. Die Sperrung der Halle für den Reiterverein wirkt um so befremdlicher, als diese noch über viele Jahre einem freien Reitlehrer zur Verfügung gestellt wurde.

Auch diese Zusammenhänge erläuterte mir Edith Borchert. Sie kennt sich aus. Als Vereinsmitglied, preisgekrönte Turnierreiterin, Übungsleiterin und mit ihren Pferden selber intensive Nutzerin der Halle, ging sie praktisch tagtäglich in ihr ein und aus. Sie ist eine geborene Hutze, vom traditionsreichen Aulhauser Hof mit der alten, heute nicht mehr gebräuchlichen Bezeichnung „Nr. 16“, auf dem in den 1970er-Jahren zwar – von allen Barkhauser und Aulhauser Höfen als letztem – die Landwirtschaft aufgegeben werden musste, nicht aber auf die Haltung von Reitpferden verzichtet wurde. Heute gibt Edith Borchert auf ihrem Anwesen zwei alten Pferden das Gnadenbrot.

Ausschnitt aus dem Mindener Tageblatt vom 03.11.1980, Quelle: Edith Borchert
Alte, ehemalige Reitpferde bei Edith Borchert

Der Hof Hutze – oder besser: sein jeweiliger Eigentümer – hat seit dem 19. Jahrhundert das Barkhauser Ortsbild, ja die Landschaft an der Porta Westfalica mit geprägt Er hatte vielleicht sogar Einfluss auf das späte Schicksal der Reithalle. Zu seinem Eigentum zählte nämlich auch der Steinbruch, in dem sich jetzt die Freilichtbühne befindet. Dazu gehörte ein großer Lagerplatz für die Verladung der Bruchsteine auf die Weser-Bockschiffe. Er beherrschte das Blickfeld unmittelbar nördlich des jetzigen Weser-Treffs an der Fährstraße.

Zum früheren Steinbruch Hutze (jetzt Freilichtbühne) gehöriger Verladeplatz an der Fährstraße, Quelle: Edith Borchert

Zum Steinbruch gehörte aber auch ein langgestrecktes Arbeiterwohnhaus gleich oberhalb des Großen Festsaals des Kaiserhofs. Später wohnten dort Tagelöhner des Hofes Hutze, noch später ungebundene Mieter. Die Mieterin Barner betrieb dort in den 50er-Jahren sogar einen Kiosk mit Rastplätzen für Wanderer und Besucher der Freilichtbühne.

Früheres Wohnhaus der Arbeiter des Steinbruchs Hutze, Quelle: Edith Borchert
Gartenwirtschaftskiosk am ehemaligen Arbeiterwohnhaus Hutze, 50er-Jahre

Vielleicht war es ja die Existenz dieses Hauses, welche die Brandschützer auf den Plan rief, denn der Weg zwischen Saal und Arbeiterwohnhaus war behindernd schmal für schwere Löschfahrzeuge. Doch das Haus wurde gegen Ende der 2000er-Jahre abgerissen, ohne dass die Sperrung der Reithalle wieder aufgehoben wurde. So hatte es sozusagen noch posthum Einfluss auf deren Schicksal und das des Vereins, der sich unumkehrbar anders orientieren musste.

Abriss des alten Arbeiterwohnhauses um 2010

Doch noch in einer weiteren Hinsicht war das ehemalige Arbeiterwohnhaus für die Halle und den gesamten Kaiserhof von Bedeutung. Borchert hatte vorgehabt, anstelle des ehemaligen Arbeiterwohnhauses einen Neubau zu errichten, aber nicht bedacht, dass er in der Außenbereichslage nur dann Anspruch auf Bestandsschutz mit Recht auf einen Ersatzbau gehabt hätte, wenn er die Grundmauern hätte stehen lassen. Mit dem Totalabriss war dieses Recht verwirkt. Wer weiß, ob das jetzige Sanierungskonzept für den Kaiserhof, zu dem aus Rentabilitätsgründen auch der Bau von angrenzenden Wohngebäuden zählt, hätte verwirklicht werden können, wenn dort in unmittelbarer Nähe bereits ein großes Wohnhaus samt Parkplätzen stehen würde und mit den Neubauten die Bebauung in dieser sensiblen Außenlage als zu dicht empfunden worden wäre.

„Bauprojekt Kaiserhof 2.0“, Quelle Johanning-Gruppe

Es gibt aber eine weit wichtigere Verbindungslinie zwischen dem Kaiserhof und dem Namen Hutze als das dem Hotel benachbart gewesene Arbeiterwohnhaus. Heinrich Hutze hieß der am Ort wie überregional hochangesehene Architekt, der um 1890 den Kaiserhof mit seinem großen Festsaal überhaupt erst entworfen hat.

Der Barkhauser Architekt Heinrich Hutze (1853 – 1913)

Auch er stammte vom Hof Nr. 16, aus der Linie eines Zweit- oder Drittgeborenen, der den Hof aus erbrechtlichen Gründen verlassen musste und abgefunden wurde. Für Edith Borchert wurde nach allem also die Reithalle zu einer doppelten Heimstatt: als Austragungsort für eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen und als ein Ambiente, das ohne ihre Familiengeschichte so überhaupt nicht denkbar gewesen wäre.

Heinrich Hutze gehörte mit seinen Bauten noch einer komplett anderen Zeit und Welt an. Er hätte sich nicht einmal im Traume ausmalen können, in welcher Weise sich, 60 Jahre nach seinem Entwurf für den Saal des Kaiserhofs, mit Wolfgang Wiedermann abermals ein Barkhauser Architekt mit diesem befassen würde. Geboren im Jahre 1929, war Wiedermann noch deutlich länger als sein großer Vorgänger auf vielfältige Weise in das Leben des Dorfes, dann der Stadt Porta Westfalica, eingebunden, politisch als Ratsmitglied für die FDP, gesellschaftlich als langjähriger Oberst – später Ehrenoberst – des Barkhauser Schützen-Bataillons.

Der Barkhauser Architekt Wolfgang Wiedermann (1929 – 2026), Quelle: Schützenverein Barkhausen

Wiedermann war es überhaupt gewesen, über den ich mir aus Anlass des Abrisses der Reithalle und der Planung eines Berichtes über die Halle Informationen über deren Geschichte erhofft hatte. Wir kannten uns von Jugend auf recht gut. Er hatte doch sicher noch die Entwürfe, die Korrespondenz mit Verein und Behörden, die Kostenkalkulation in seinen Akten. Doch es sollte bei einem ersten, schriftlichen Kontakt bleiben. Noch ehe ein so verabredetes Treffen zustande kam, starb Wiedermann im Juni dieses Jahres. Damit schien meinem Vorhaben die Grundlage entzogen. Bis, wie ein deus ex machina, Edith Borchert mit ihrer Archivmappe erschien. 

Zufall oder Vorbestimmung? Die alte philosophische Frage. Setzen wir auf den Zufall. Der hat in meinem Leben schon öfter konstruktiv eingegriffen. Es sei ihm einmal mehr gedankt!