Spitz- und Beinamen aus Barkhausens vergangenen Tagen –
mit so etwas wie einer kulturgeschichtlichen Einführung aus der Vogel- und der Froschperspektive
von Fritz W. Franzmeyer
Spitznamen sind wie Bruchstücke einer untergehenden Sprache. Wenn es an Menschen fehlt, die sie benutzen, sterben sie aus. Vielleicht gibt es noch etwas Gedrucktes, was die Erinnerung stützt. Etwa in Todesanzeige werden sie manchmal liebevoll festgehalten. Doch sie gehören zur Ortsgeschichte und sind deshalb bewahrenswert. Das empfanden mit Co-Editor Robert Kauffeld und seinem Vetter Walter Kühme auch zwei Alt-Barkhauser. Sie fingen an, Spitznamen aus unserer dörflichen Nachkriegs-Vergangenheit zu sammeln. Der Verfasser dieser Einführung stieg gern mit ins Boot. Möge diese Präsentation zu weiteren „Funden“ führen.
Man muss schon etwas Besonderes vorweisen, will man eines Spitznamens für wert befunden werden
Es muss zwischen Spitznamen und informellen Beinamen unterschieden werden. Zwar entstehen beide aus ähnlichen Gründen, doch während ein Beiname nur benutzt wird, wenn man über jemanden spricht, dient der Spitzname auch als Anrede.
Es dürfte so etwas wie einen natürlichen Trieb geben, bestimmte Menschen – aber eben bei weitem nicht alle – mit einem Spitznamen zu belegen. Schon der Begriff deutet ja auf Zuspitzung eines auffälligen Wesens- oder Verhaltensmerkmals hin. Zumindest soll das Einmalige, das Unverwechselbare, hervorgehoben werden, ob wohlwollend, spöttisch, respektvoll, bewundernd oder ablehnend. Das gilt auch für den Beinamen, selbst wenn er behördlich verliehen wurde, wie beim Barkhauser Bürger „Kelle-Emden“, dessen offizieller Zusatz zu seinem Geburtsnamen „Kelle“ ehrend daran erinnern sollte, dass der stolze Träger ein Überlebender des 1914 in einer heroischen Schlacht manövrierunfähig geschossenen kaiserlichen Kreuzers “Emden“ war. Doch anders als ein informeller Beinamen wird der offizielle auch zum Bestandteil der Anrede.
Während also manche markanten Dorfgenossen einen Spitznamen förmlich an sich zu ziehen schienen, gab es andere, die geradezu gegen ihn immun waren. Wäre es von vornherein aussichtslos gewesen, einen passenden für sie zu suchen? Oder fehlte ihnen etwas, das überhaupt erst zur Suche angeregt hätte? Psychologisch öffnet sich hier ein weites Feld.
Ein Blick in die Große Geschichte
Das Entstehen von Spitz- und Beinamen ist mindestens so alt wie die Zivilisation. Historisch überliefert – weil in vielen Schriften festgehalten – sind vor allem Beinamen in der großen Politik und der Hochkultur. Sie entstanden manchmal schon unter den Zeitgenossen, oft aber auch erst post mortem und hatten immer einen „Aufhänger“. Einer der römischen Kaiser bekam den Namen „Caligula“, zu deutsch „das Stiefelchen“, weil er schon als Kind in Soldatenstiefeln herumstolzierte. König Richard I. von England bekam den Zusatz „Löwenherz“ für seinen kaltblütigen Mut im Dritten Kreuzzug. Der Name „Barbarossa“ – Rotbart – des Staufer-Kaisers Friedrich I. spricht für sich.
Ebenso “Karl der Kühne“, der letzte Herzog von Burgund. Oder „Iwan der Schreckliche“ für den ersten russischen Zaren. König Heinrich I., der „Vogler“, soll die Nachricht von seiner Krönung erhalten haben, als er gerade dabei war, Finken zu fangen. Im Benediktinerkloster St. Gallen gab es, heute so gut wie vergessen, zwei hochgebildete Mönche namens Notker, die sich um die Entwicklung der deutschen Sprache verdient gemacht haben. Zur Unterscheidung firmierte der eine bald unter “Notker der Dicklippige“, der andere unter „Notker der Stammler“ – natürlich jeweils auf Lateinisch: „Notker Labeo“ und “Notker Balbulus“.
Noch in guter Erinnerung dagegen ist der ebenfalls sprachgewaltige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der sich als „Schmidt-Schnauze“ einen Namen machte. Ein besonders kreativer „Spitznamenverleiher“ war der SPD-Vorsitzende Herbert Wehner. Von ihm stammt die Bezeichnung „Kopf-ab-Jäger“ für den CSU-Justizminister Richard Jaeger, der für schwerste Gewaltverbrechen die Todesstrafe wieder einführen wollte. Und Wehner war es auch, der den CDU-Politikers Wohlrabe in „Übelkrähe“ umtaufte.
Wenig phantasievoll, deshalb fast inflationär auftretend, aber nichtsdestoweniger zuspitzend ist der Beiname „der Große“: Alexander der Große, Karl der Große, Friedrich der Große, Wilhelm der Große – ja doch, in riesigen Lettern nachzulesen am ihm gewidmeten Porta-Denkmal –, Katharina die Große. Dass eine Regentin es an Härte und Willkür den männlichen Potentaten gleichtat, hat die Männerwelt wohl so irritiert, dass ein Roman mit dem Titel „Katharina der Große“, der auch im Bücherschrank meiner Eltern stand, populär wurde – was den abgenutzten Beinamen durchaus wieder zum Unikat macht. Unsere Liste der „Großen“ ist nicht erschöpfend.
Bei wenigen herausgehobenen Persönlichkeiten kommt, in bestimmten Kontexten, eine Zuschreibung nicht einmal als Namensergänzung daher, sondern ersetzt – als „alias“ oder neudeutsch „aka“ („also known as“) – den Namen vollständig, wobei sie ihn zugleich auf- oder abwertet: Jeder denkt sofort an Goethe, wenn vom „Dichterfürsten“, an den späteren Kaiser Wilhelm I., wenn vom „Kartätschenprinz“, an Bismarck, wenn vom „Eisernen Kanzler“, an Hitler, wenn vom „Gröfaz“ – dem „Größten Führer aller Zeiten“ – die Rede ist. Manchmal aber, und meist vom Namensträger gewollt, kommt es aber zu regelrechten Umbenennungen, ohne alias oder aka. Im Barkhausen der 50er-Jahre lebte ein Polizist namens – Reißaus. Als der sich schließlich in einer Illustrierten wiederfand, ließ er sich umbenennen: in Reinsdorf.
Über individuelle Spitznamen
Die Belegung mit Spitznamen macht oft bei der Person nicht halt und erfasst ganze Institutionen, politische, gesellschaftliche und private Gruppen. Man denke allgemein an den „Barras“, die „Penne“, speziell etwa an König Friedrichs II. „Tabakskollegium“, an Kaiser Wilhelms II. „Kamarilla“ oder, aus neuerer Zeit, an die schwarz-grüne „Pizza-Connection“.
Kegelklubs nennen sich gerne „Alle Neune“, und auch Tante Emmas Kaffeekränzchen dürfte ihren sinnigen Namen gefunden haben. Innerhalb der „Penne“ tummeln sich die “Pauker“ und die „Pennäler“, beim „Barras fürchtet der “Schütze Arsch“ den schikanösen „Spieß“. Im Barkhausen der 40er- und 50er-Jahre rangelte sich die „Bergkette“ mit der „Weserkette“, als Katechumenen und Konfirmanden gingen sie, im Burgfrieden vereint, gemeinsam „nach’n Paster“, in noch friedlicherer Absicht treffen sie sich heute als „Klugscheißer“ und „Gerüchteköche“.
Sind Spitznamen Männersache?
Damit sind wir endlich richtig in Barkhausen angekommen. Auffällig an der Liste ist einmal, dass die Spitznamen weitaus häufiger sind als die Bei- bzw. Ersatznamen. Noch auffälliger ist, dass Spitznamen Männersache zu sein scheinen. Das dürfte nicht nur auf Barkhausen zutreffen. In meiner Mindener Schulabschlussklasse, alles Jungen, hatte mehr als ein Drittel einen Spitznamen, in der Nienburger reinen Mädchenklasse meiner Frau nicht eine. Das hängt hier aber sicher auch damit zusammen, dass die Namenssammler Männer sind, als Kinder und Jugendliche überwiegend mit Geschlechtsgenossen zusammen waren und wenig Einblick in die Umgangsgepflogenheiten ihrer damaligen Altersgenossinnen hatten. Der einzige weibliche Spitzname in der Liste, „Tante“ ist weder eigenständig – es handelte sich um die Ehefrau vom „Onkel“ – noch phantasievoll und wurde todsicher nur von Jungens verwendet.
Anders sieht es bei einer „Nebenlinie“ der Spitznamen, den „Kosenamen“ aus. Hier spielt ja meist Erotisches hinein. Ich habe keine Ahnung, ob unsere Barkhausen Mädchen irgendwelche Jungens damit belegten. Für den umgekehrten Fall habe ich aber ein schönes Beispiel. Gitarrist und Bänkelsänger Hans „Ginger“ Drape, später Kapitän zur See, hatte wohl ein Auge auf meine Kusine Ilse geworfen. Jedenfalls dichtete und schmachtete er in einem abendlichen Ständchen: „Süße Ischi, du mein Täubchen, bitte schön, sag doch endlich ja“.
Wie entstanden die Barkhauser Spitznamen?
Viele der gesammelten Spitznamen gehören zum geläufigen Typ der „Verniedlichung“ offizieller Vornamen: „Henne“ für Hans, „Kalle“, „Kalli“ oder „Charlie“für Karl oder Karl-Heinz, „Heini“ für Heinrich, „Hermi“ für Hermann oder „Fitti“ bzw. „Fitten“ für Fritz. Sicher gab es im Dorf auch den einen oder anderen durch unsere Maschen gerutschten „Hotte“ – für Horst – oder „Schorse“ – für Georg. Andere, originellere Spitznamen lassen sich herleiten. „Ginger“ hatte rötliches Haar, „Latschu“ etwas Schlacksiges, „Graf Koks“ trat gern reichlich selbstbewusst auf, „Hummel“ war der große Bruder von „Biene“, „Pannenschmied“ reparierte Küchengerät. Irgendwie paradox kam der Spitzname „Caruso“ daher. Frisör-Meister Hans Kruse war im Gesangverein ein wunderbarer Stimmführer – im tiefen Bass! Doch sein Nachname ließ sich so trefflich zu dem berühmten italienischen Tenor verballhornen, da sollte es doch wohl auf die Stimmlage nicht ankommen. Wieder andere Spitznamen sind – nur heute? – schlicht unverständlich: wieso „Pönsel“, Köcker“, „Pink“ „Pinkel“ oder gar „Kallawutti“?
Manchmal trug jemand sowohl einen geläufigen als auch einen herleitbaren, manchmal jemand sowohl einen herleitbaren als auch einen unverständlichen Spitznamen. So war Ludwig Röll bei den einen nur das „Bübchen“ – weil ihn vielleicht seine Mutter so genannt hatte –, bei anderen dagegen ein rätselhafter „Ömmes“. Hans Düker wurde „Henne“ und „Snari“ gerufen. „Henne“ entspricht dem erwähnten Stereotyp. „Snari“ lässt sich anders herleiten – aber nur noch von jemandem wie mir, der bei der „Taufe“ dabei war. Hans muss so etwas wie ein eidetisches Gedächtnis gehabt haben. Er konnte geschriebene Wörter, ja ganze Zeilen, bildhaft in Erinnerung behalten und sie dann zur Verblüffung von uns Spielkameraden auswendig von hinten sprechen.
Sein Vor- und sein Nachname, jeweils von hinten gesprochen, lauteten Snah Reküd. Das haute er uns oft um die Ohren. Doch wir trennten es anders und wandelten es zugleich nach unseren phonetischen Vorlieben ab – zu „Snari küt“. Snari wurde zum zweiten Spitznamen, „Snari küt“ bedeutete, dass Hans um die Ecke kommt. Denn „hei küt“ ist Barkser Platt und bedeutet „er kommt“. Vielleicht haben ja auch andere heute unverständliche Spitznamen eine spezielle Entstehungsgeschichte, nur dass sie niemand mehr nachvollziehen kann, weil alle Erzeuger und Taufpaten tot sind. So zeugen sie heute nur noch von deren Phantasie.
Zum Schluss noch ganz besondere Spitzfindigkeiten
Bleibt das Kuriosum des „vermeintlichen Spitznamens“. Ja, auch den gab es in Barkhausen. Ich weiß es aus eigener Anschauung. Jahrzehntelang redete ich meinen Freund Klaus zuweilen mit „Paul“ an. Er nahm es wie selbstverständlich hin. Schließlich fragte ich ihn beiläufig, wie er eigentlich zu diesem Spitznamen gekommen sei. „Na, durch dich“, so seine Antwort, „du bist doch der einzige, der mich so nennt“. Und ich selber? Habe ich denn nie einen Spitznamen gehabt? „Fritze“ kann ja wohl kaum als solcher gelten. So etwas entsteht unter Jungens, weil sich Zweisilbiges zum Beispiel auf dem Fußballfeld viel nachdrüclicher brüllen lässt als Einsilbiges.
„Fritzeee!“ wird einfach besser wahrgenommen als „Friiitz“. Das gleiche gilt für „Henneee“ statt „Haaans“. Ähnlich mag sich die Wandlung von Wolfgang zu „Tocka“ beim Fußballfan Wolfgang Tusche erklären. Sein Rufname ist zwar zweisilbig, beansprucht die Sprechwerkzeuge aber so sehr, dass es im angestrengten Spielgeschehen fast zwangsläufig zu einer „brüllsicheren“ Abschleifung kommen musste. Außerdem klingt das alliterative „Tocka Tusche“ viel schneidiger als das betuliche „Wolfgang Tusche“. Also nein! Ich hatte nie einen Spitznamen! – Doch halt, um ehrlich zu sein: „nein“ bis vor kurzem! Nun aber hat mich ein Freund seit Kindertagen, heute Schriftsteller, mit nicht unwichtiger Rolle in seinem jüngsten Roman untergebracht – als „Hannibal“. Ich kann mir erlauben, das zu verraten, denn in meinem Alter ist die Gefahr gering, damit noch lange aufgezogen zu werden.
Diese Gelassenheit teile ich sicher mit meinem noch älteren Co-Editor Robert Kauffeld, dessen Spitzname „Robser“ hier ja nach 70jährigem Dornröschenschlaf ebenfalls nur für eine – statistisch gesehen – kurze „Restlaufzeit“ ans Licht gezerrt wird.
Wilhelm der Große, auch ein Barkhauser
