Otto Meyer (1867-1929) –
Ein Lebensbild des ersten Barkhauser Pfarrers und späteren
Generalsuperintendenten der Kirchenprovinz Sachsen
Fritz W. Franzmeyer
Hartköpfigkeit, Unversöhnlichkeit und Kriegslust gegenüber der ihm anvertrauten Gemeinde, Seelenverhärtung durch erheirateten Wohlstand, unwürdige Parteilichkeit und Mangel an christlichem Geist: Es waren schwere Vorwürfe, die im Jahre 1900 aus Kreisen der noch jungen Kirchengemeinde Barkhausen gegen ihren ersten Pfarrer erhoben wurden. Damit schien das berufliche Schicksal des Zweiunddreißigjährigen besiegelt. Woher nimmt jemand danach noch die Kraft zum Weitermachen? Wo hat er mit solchen Referenzen noch eine Chance? – Nun, Otto Meyer machte nicht nur weiter, er machte Karriere. Davon weiß man in Barkhausen wenig. Als der Pfarrer im Jahre 1902 das Dorf verließ, verlor man ihn dort aus den Augen. Allenfalls über seinen jüngeren Bruder und Nachfolger im Barkhauser Pfarreramt erfuhr man gelegentlich von seinem weiteren Schicksal. Heute geben die Archive Auskunft, und es ist reizvoll, nicht nur seinen vor- und nachherigen Lebensweg aufzuzeichnen, sondern auch den Kräften nachzuspüren, die ihm die Herauslösung aus dem „Barkhauser Kirchenkampf“ ermöglichten und ihm zu seinen späteren Erfolgen verhalfen.
Jugend und Ausbildung
Heinrich Wilhelm Gerold Otto Meyer wird am 22. März 1867 im damals noch zum Regierungsbezirk Minden gehörigen Gütersloh geboren. Auch sein Vater, Carl Otto Theodor – Vorstand einer Familie mit mehreren Kindern – ist bereits Pfarrer. Er gibt seinem Erstgeborenen den Rufnamen weiter. Die Mutter, Ottilie, ist eine geborene Overbeck. In der damals noch kleinen Stadt besucht der junge Otto von 1877 an das in Kirchenkreisen überregional angesehene Evangelisch Stiftische Gymnasium. Dort macht er 1886 die Reifeprüfung. Es ist zweifellos eine harte psychische Belastung für den Sekundaner, als sein Vater stirbt, und es ist zweifellos eine wirtschaftliche Härte für die Mutter mit ihren nun gekürzten Witwenbezügen, den Sohn zum Theologiestudium ins ferne Basel ziehen zu lassen. Für Otto ist der Wechsel ein Sprung aus der kleinstädtischen und familiären Geborgenheit. In Basel wird er jedoch nicht lange bleiben. Mögen ihn an der Universität dieser Stadt zunächst berühmte Professoren gereizt haben, so ist es vielleicht die Fremdheit des calvinistischen Umfeldes, die ihn bewegt, sich bereits nach dem ersten, dem Sommersemester 1886, in Greifswald zu immatrikulieren.
Der erneute Wechsel fällt für ihn umso einschneidender aus, als er zum 1. Oktober auch seinen Militärdienst antritt. Seine Truppe ist die 9. Kompanie des Pommerschen Regiments Nr. 42 in Greifswald. So lassen sich Dienst und Studium verbinden. Im Wechsel mit dem Studium nimmt er bis Oktober 1887 an zwei mehrwöchigen Übungen teil. Eine dritte Übung folgt 1888, bei der „4. Kompanie des 1. Westf. Infant.-Reg. No. 13“. Im Juni des Drei-Kaiser-Jahres bescheinigt ihm die Regimentsführung, er sei zum „überzähligen Vice-Feldwebel“ befördert worden. Offenbar erfüllt er seine vaterländischen Pflichten besonders gewissenhaft, denn 1899 wird ihm die „Landwehrdienstauszeichnung II. Klasse“ verliehen, die der preußische Staat für besonders treue Dienste in der Reserve der Landwehr vergibt. Seinen dritten Militärdienst verbringt er teils in westfälischen Kasernen, teils im Elternhause, jedenfalls weitab von seiner Universität, weswegen er die Unterbrechung des Studiums einmal mehr als einschneidend empfindet und sich entschließt, von Greifswald nach Halle zu wechseln. Im Herbst 1890 macht er sein erstes, zwei Jahre später sein zweites theologisches Examen.
Berufliche Stationen
Das lustige Studentenleben, sofern denn der streng erzogene und zügiger als andere studierende Otto Meyer bei aller Frohnatur je eines gehabt hat, endet für ihn mit dem Bestehen der ersten Prüfung.
Bald weist ihn die Kirchenleitung nach Möstchen, Kreis Schwiebus, in der – damals brandenbrgischen, jetzt polnischen – Neumark östlich der Oder, wo er im Hause des Rittergutsbesitzers Friedrich Schulz von Heinersdorf als Hauslehrer angestellt wird. Der Stammsitz der Schulz’ ist zwar das Schloss Heinersdorf bei Fürstenwalde, doch die Familie – ehemals Schultz(e) – war weit verzweigt, und Friedrich hatte das Rittergut Möstchen 1869 erworben. Er vertrat laut Wikipedia die sogenanntge Linie „Schulz 3“, die 1883 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde. Heute dient das ehemalige Herrenhaus in „Mostki“ – ebenfalls laut Wikipedia – als Schule.
Meyers Aufenthalt in Möstchen dient zugleich der Vorbereitung auf das zweite Examen und dem Einstieg in seinen künftigen Beruf, denn er muss nun auch schon predigen. Die Schultz-Heinersdorfs haben vier Söhne, zwei von ihnen sind schulpflichtig und stellen mit ihrem unterschiedlichen Alter besondere pädagogische Anforderungen im gemeinsamen Unterricht. Die Befähigung dazu holt sich Otto Meyer in einem Seminarkurs in Eckernförde.
Es muss dem jungen Theologen im Familienkreis des Rittergutsbesitzers gefallen haben. Denn er bleibt dort auch nach der zweiten Prüfung für weitere zwei Jahre Hauslehrer. Diese Anhänglichkeit erstaunt auf den ersten Blick, zumal wenn man die Umstände von Meyers ersten zwei Jahren dort bedenkt: Der Hausherr ist sterbenskrank, die Zeit bis zum zweiten Examen ist knapp, und um die dazu notwendige Literatur zu studieren, muss Meyer extra für längere Zeit zur Universitätsbibliothek nach Greifswald fahren
Erst 1896 – er hat bereits ein einjähriges Lehrvikariat im siegerländischen Krombach hinter sich, ist mit dessen Abschluss ordiniert worden und nun nach einer gewissen Vorlaufzeit als Pfarrverweser fest angestellter Pfarrer in Barkhausen – wird deutlich, was ihn in Möstchen festhielt: Am 6. August jenes Jahres heiratet er die sieben Jahre ältere Anna Schulz von Heinersdorf, geborene Kayser, die Witwe des mittlerweile verstorbenen Gutsbesitzers. Annas Söhne, Ottos Schüler, sind nun seine Stiefkinder. Es werden seine einzigen Kinder bleiben. Die Familie lebt jetzt in Barkhausen. Die dortige Evangelische Kirchengemeinde ist erst ein Jahr alt. Noch haben die Meyers keine angemessene Wohnung, doch nicht zuletzt dank des stattlichen
Vermögens, das Anna mit in die Ehe bringt, gelingt es, bald nach Fertigstellung der Kirche auch den Bau des Pfarrhauses zu beschleunigen. Fertig wird es 1898, heute noch – wenn auch kaum mehr entzifferbar – nachzulesen unter dem 8. Psalm „Gott der Herr ist Sonne und Schild“, der auf einer Tafel die nördliche Giebelwand ziert. Freilich kann sich das neue Domizil nicht mit dem großzügigen Zuschnitt des brandenburgischen Gutshauses messen lassen, und die Verpflanzten werden wohl so manche Stunde des Heimwehs erleben. Das ferne Anwesen in der Neumark, jetzt in Händen der nächsten Generation, wird denn auch noch oft besucht.
Natürlich konnte sich Otto Meyer in Barkhausen nur am Rande um den Bau des Pfarrhauses kümmern. Er hatte schließlich ein Amt auszufüllen: Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Trauerfeiern, Seelsorge, Sitzungen mit dem Presbyterium, Verwaltungsfragen. Für das ganze Spektrum seiner Amtshandlungen musste der junge Pfarrer ja auch erst eine Arbeitsökonomie und Routine entwickeln. Meine Großmutter gehörte zu einem seiner ersten Konfirmationsjahrgänge. Er hat 1897 ihre Konfirmationsurkunde unterzeichnet, und es kann nur er gewesen sein, der im Pastorentalar mitsamt der Schar von Eingesegneten an der Außentreppe der Dorfkapelle zu sehen ist. Nur diesem familiären Umstand habe ich den Besitz eines Fotos zu verdanken, das Otto Meyer in jungem Alter – mit 3o Jahren – zeigt.
Doch Meyers Arbeit wird schon bald und zunehmend durch die erheblichen Spannungen mit maßgeblichen Persönlichkeiten des Presbyteriums erschwert. Als der Konflikt für ihn unerträgliche Formen annimmt, bewirbt er sich fort. Im Februar 1902 wird er 3. Pfarrer in Münster. Der Wechsel mag nicht ganz ohne Hilfe zustande gekommen sein. Dabei könnte der in Möllbergen geborene und in Eisbergen aufgewachsene Theologielehrer und Schulseelsorger an Meyers Gütersloher Gymnasium, Theodor Braun, der später Pfarrer in Berlin und dann Generalsuperintendent der Neumark wurde, mit seinen guten Verbindungen zur Kirchenleitung eine wichtige Rolle gespielt haben.
Münster ist indes wohl von vornherein nur eine Übergangsstation. Denn schon im Juli 1904 erhält Otto Meyer die dritte, 1906 dann die zweite Pfarrstelle in Berlin-Steglitz – eine Position, die er bis 1910 innehaben wird. Auch bei diesem Schritt könnte Theodor Braun die Hand gereicht haben. Wie es scheint, hat Meyer in Berlin „besonders segensreich gewirkt“ – so nachzulesen in einer Mitteilung des Oberkirchenrates von 1912. Insbesondere ist Meyer maßgeblich der Bau der Steglitzer Markuskirche zu verdanken, die am 11. März 1912 eingeweiht wurde und damals noch zur Matthäus-Kirchengemeinde gehörte. Ja, er hat für diese zweite evangelische Kirche in Steglitz überhaupt erst die Gemeindeglieder „sammeln“ müssen. Unter anderem für diese Leistung bekommt er – nun schon in Magdeburg – anlässlich der Kirchweih den preußischen Roten Adlerorden IV. Klasse verliehen. Auch privat gibt es für Otto Meyer einen Grund, sich in Berlin wohl zu fühlen, denn er findet dort ein Stück Heimat vor – in der Person seines Jugendfreundes Friedrich Wolf aus Gütersloh, der von 1903 bis 1908 Pfarrer an der Versöhnungskirche ist.
Inzwischen ist die Kirchenleitung auf den Dreiundvierzigjährigen aufmerksam geworden Ende Juli 1910 erreicht ihn der Ruf der Kirchenprovinz Sachsen, lt. „Allerhöchsten Erlasses“ als Konsistorialrat und zweiter Domprediger nach Magdeburg zu gehen. Er folgt diesem Ruf und wird dort am 14. September für den Staatsdienst im Königlichen Konsistorium vereidigt. Acht Jahre lang bewährt er sich nun „gewissenhaft, treu und eifrig“ gleichermaßen „als Prediger, als Seelsorger und Laber der Nöte der Kirche“. In Anerkennung dieser Verdienste wird er 1918 zum „Geheimen Konsistorial-Rat“ ernannt. Nun erscheint es nur folgerichtig, wenn der Vielbegabte im Jahre 1925 der erstamtliche von drei Generalsuperintendenten und damit für den Großraum Magdeburg zuständige Co-Leiter der preußischen Kirchenprovinz Sachsen wird. In den Akten ist er dort mit den Vornamen Otto Heinrich gelistet. Er behält dieses Amt bis zu seinem Tode. Auch akademische Ehren werden ihm zuteil: Kurz vor der Ernennung zum „Gen.Sup.“ verleiht ihm die Universität Halle den Ehrendoktortitel. Damit hat Meyer den Gipfel seiner Karriere erreicht.
Otto Meyer zählt nicht zu denen, die sich im Lichte ihrer Erfolge sonnen. Es entbehrt jedoch nicht der Tragik, dass seinem beruflichen Glück das private Unglück auf dem Fuße folgt. Nicht zwei Jahre, nachdem er in das Amt des Generalsuperintendenten aufgerückt
ist, stirbt seine Frau, 66 Jahre alt. Doch er bleibt nicht lange allein. Am 29.8.1928 heiratet er Elisabeth Müller. Noch einmal wird für ihn die Zeit an der Porta lebendig. Elisabeth ist in Eisbergen geboren, und da Ottos jüngerer Bruder Friedrich im Jahre 1902 seine Nachfolge auf der Barkhauser Pfarrstelle angetreten und diese noch immer inne hat, lässt sich das Paar dort trauen. Als Trausegen bekommt es das erwähnte Psalmwort am Giebel des Barkhauser alten Pfarrhauses, das Otto seinerzeit vermutlich selber mit ausgesucht hatte. Otto Meyer wird seine zweite Frau im Beruf kennen- und schätzengelernt haben. Denn die 21 Jahre Jüngere ist in Glaubens- und Kirchenfragen äußerst engagiert und wird, obwohl im Laienstande, noch einmal eine bedeutende Rolle in der Evangelischen Kirche spielen.
Doch nun währt auch das neue private Glück nicht lange. Otto Meyer stirbt am 19. Februar 1929 im 62. Lebens- und 34. Amtsjahr „nach kurzer schwerer Krankheit“. Eine Woche darauf wird er nach der im Dom abgehaltenen Beisetzungsfeier auf dem Magdeburger Südfriedhof bestattet. Leider wurde nach Auskunft der Magdeburger Friedhofsverwaltung die Grabstätte im Jahre 1994 eingeebnet. Ein Bild davon wurde nicht archiviert. Ebenso wenig ist nach Aussage der Magdeburger Domführung heute noch etwas von einem Gedenkstein bekannt, der nach älteren Quellen zu Meyers Ehren am Dom von seinem Wirken in Stadt und Kirchenprovinz gezeugt hat. Denkbar, dass er den schweren Bombenangriffen auf Magdeburg im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen ist.
Ein Kurzporträt
Otto Meyer war ein unfreiwilliger Erfolgsmensch. Nach seinem Barkhauser „Fehlstart“ brachte ihn beruflich nicht der Ehrgeiz zu tatsächlichen Ehren, sondern im Gegenteil seine Bescheidenheit. In ihr kamen seine vielfältigen Begabungen zum Tragen, ohne dass ihn eifersüchtige Konkurrenten fürchteten ausbremsen zu müssen. Erzogen wurde Otto Meyer im Geist der Ravensberger Erweckungsbewegung, der an seinem Gymnasium gepflegt wurde: zu Glauben, Fleiß, Disziplin, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein und vaterländischer Gesinnung. Gesellschaftspolitisch war Meyer wertkonservativ, doch auf der Suche nach Verständnis für diejenigen, die in der Orientierungsarmut nach dem Ersten Weltkrieg den Halt verloren. Tagespolitisch nahm er sich meist zurück. Nur in Notzeiten hielt er schon einmal eine „politische Predigt“ und ging dann mit seinen Landsleuten ins Gericht. Dabei fand er kraftvolle Bilder und Vergleiche. Zweifellos trauerte er dem alten Ständestaat nach. In Magdeburg engagierte er sich sehr in der städtischen Wohlfahrtspflege, war aber kein sozialpolitischer Agitator wie eine Generation zuvor etwa der Mindener Abgeordnete und Berliner Hofprediger Adolph Stoecker. Auch teilte er nach allem, was über ihn zu erfahren war, nicht dessen religiösen Antisemitismus. Er warnte sogar ausdrücklich vor deutschem Nationalismus und fand im Kriege auch Worte der Achtung für den Feind. Als Privatmann war Meyer sehr häuslich und familienbezogen, als Barkhauser eine sechsjährige Episode. Sein Leben verging ihm wie im Fluge. „Er ist nicht weit“, schrieb er 1929, „der Weg von Westfalen nach Sachsen, und sie ist nicht lang, die Zeit von der Jugend zum Alter.“ Das endete für ihn schon, ehe es recht begonnen hatte.
