Robert Kauffeld, Bericht im Mindener Tageblatt:

 


 

Auf dem Wald- und Kulturpfad Wittekindsberg


Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal grüßt den Besucher der Porta Westfalica schon aus großer Entfernung und ist wohl ein magischer Anziehungspunkt. Schnell ist mit dem Auto der große Parkplatz an der Gaststätte erreicht, dann sind es nur noch 250 Meter zu Fuß, bis man unter der grüßenden und segnenden Hand des Kaiser steht – vielleicht sogar ehrfurchtsvoll, staunend oder auch nur beeindruckt. Vielen Besuchern lässt aber erst eine anschließende Wanderung den Ausflug zu einem besonderen Erlebnis werden.
Der Weg auf dem Kamm des Wiehengebirges führt durch eine einzigartige Naturlandschaft, bietet viele schöne Ausblicke ins Weserbergland und in die weite Norddeutsche Tiefebene und befriedigt mit den unterschiedlichsten Angeboten vielseitige Interessen. Es ist nur ein kurzes Stück bergauf hinter dem oberen Plateau des Denkmals, bis man den Kammweg erreicht hat, der ohne größere Steigungen nach West verläuft. Hier beginnt der Wald- und Kulturpfad Wittekindsberg mit einer Länge von etwa 1,5 Kilometern. Der Pfad ist thematisch in fünf Gebiete gegliedert: Waldökologie, Naturschutz, Archäologie, Historie und Geologie. Für interessante Informationen wurden an 17 Standorten Informationstafeln aufgestellt, die leider nicht alle erhalten geblieben sind.
Schon nach kurzer Strecke erreicht der Wanderer den überdachten Aussichtspunkt „Silberblick“, von dem man bei klarem Wetter bis zum Hermannsdenkmal auf dem Teutoburger Wald sehen kann. Ganz in der Nähe erinnern zwei hohe Masten an die bis zum Kriegsbeginn hier ausgestrahlten Leuchtfeuer. Ein rotes Dauerlicht und ein drehender weißer Strahl warnten die Luftfahrt vor dem Hindernis Wiehengebirge.
Der Weg führt immer an den links gelegenen steilen Klippen entlang, bis man nach etwa einem Kilometer den Moltketurm erreicht, den 1928/29 errichteten „Signalpunkt erster Ordnung für die Landesvermessung“, der damals den Namen „Wittekindstein“ trug. Heute ist es ein Aussichtsturm mit einem herrlichen Rundumblick. Hier ist mit 281 Metern über NN die höchste  Stelle des Wiehengebirges.
Jetzt sind es nur noch 500 Meter bis zur Wittekindsburg. Wir sehen ein eindrucksvolles Gebäude mit einem Sockel aus Bruchsteinen, Schmuckfachwerk im Obergeschoss und einen Turm mit pyramidenförmigem Dach. Das ist das etwa 1893/94 erbaute Berghotel mit Gaststätte. Die Wittekindsburg ist dagegen eine in der Nähe gelegene Germanische Wallanlage, die 1907 von Professor Langewiesche erforscht wurde, 650 m lang, 110 m breit ist und ein langes, schmales Rechteck bildet. Der Westwall ist bereits sehr verfallen, Ost- und Nordwall sind zum Teil noch gut erhalten.

Geht man nördlich der Gaststätte nur wenige Hundert Meter weiter, erreicht man eine archäologische Rarität, die Grundmauern einer erst 1996 entdeckten Kreuzkirche aus dem zehnten Jahrhundert, in der fünf christliche Bestattungen gefunden wurden. Hier fand eine Frau mit ihren Kindern die letzte Ruhe. Ein großer Schutzbau bewahrt die mit Lehmmörtel gebundenen historischen Fundamente vor dem weiteren Verfall.


Es geht über eine Treppe abwärts, und ganz in der Nähe ist wieder ein bedeutendes Bauwerk erreicht, die Margarethen-Klus, eine romanische Kapelle, die erstmals 1224 erwähnt wurde. Der Innenraum der schlicht gestalteten Kapelle dient heute religiösen und kulturellen Veranstaltungen. An der Westseite ist eine Steinplatte aufgestellt, die 1932 in der Nähe gefunden wurde und ein Prozessionskreuz trägt.
Etwas weiter westlich ist der umbaute Austritt der früheren Wittekindsquelle zu sehen, die infolge von Bergbauarbeiten Ende der 30-er-Jahre versiegte. An diese Quelle – aber auch für andere Quellen wird diese Verbindung in Anspruch genommen – knüpft sich die Sage von der Bekehrung Wittekinds zum christlichen Glauben. Hier habe Wittekind von Kaiser Karl dem Großen ein Zeichen für die Wahrheit seines Glaubens verlangt, worauf Wittekinds Pferd gescharrt und eine Quelle zum Sprudeln gebracht habe. Ein Monumentalgemälde in der Gaststätte Wittekindsburg zeugt von diesem großen sagenhaften Ereignis.

 

Der Weg dahin führt an der „Königslinde“ vorbei, die 1842 anlässlich der Restaurierung der Margarethenkapelle in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm IV gepflanzt wurde.
Jetzt könnte ein kühles Getränk auf der Terrasse der Gaststätte den müden Wanderer erfrischen, der vielleicht davon träumt, schwerelos wie ein Vogel über dieser herrlichen Landschaft kreisen zu können. Das ist für die Drachenflieger des Delta-Clubs Wirklichkeit geworden, die hier ihre Startrampe errichtet haben und bei südlichen Winden oft mit leisem Rauschen über den Wipfeln der Bäume entlang des Wiehengebirges fliegen.

 

 

Wer mit offenen Augen durch diese einzigartige Landschaft wandert, wird noch vieles entdecken. Roter und weißer Lerchensporn bedeckt im Frühjahr große Flächen. Buschwindröschen blühen, später der Waldmeister. Interessant der Aronstab, der mit seinem roten Blütenkolben und intensivem Geruch Insekten anlockt, die dann in eine Kesselfalle geraten und Pollen zur Befruchtung übertragen. Mit viel Glück kann man den mächtigen Hirschkäfer beobachten, der gern am Saft einer blutenden Eiche leckt. In den Bäumen sind oft Eichhörnchen zu sehen, und das Klopfen eines Spechtes ist schon von weitem zu hören. Am Boden könnte sich eine Blindschleiche durch das Laub schlängeln. Wenn dann die Dämmerung hereinbricht, geht das Große Mausohr auf Insektenjagd. Das ist eine der heimischen Fledermausarten, die, wie auch die Teichfledermaus, in unterirdischen Stollen Zuflucht findet. Und natürlich gibt es hier auch Rehe und anderes Wild, aber die Tiere verstecken sich gern vor den, besonders an Wochenenden, oftmals zahlreichen Besuchern.
Es ist nur ein kurzer Weg zwischen Denkmal und Wittekindsburg, doch nicht jeder Besucher des Denkmals weiß von dieser interessanten Landschaft, die er sich durch eine Wanderung auf dem Kamm des Wiehengebirges erschließen kann, und die zu einem eindrucksvollen Erlebnis werden dürfte.

 

 

 

Auf dem Wald- und Kulturpfad Wittekindsberg wurden an 17 Standorten interessante Informationstafeln aufgestellt, wie hier an der früheren Wittekindsquelle. Leider sind nicht alle erhalten geblieben.

 

 

 

© Mindener Tageblatt 2007

 

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