Goethe-Freilichtbühne

Die Barkhauser Freilichtspiele waren, obwohl sie unter dem offiziellen Namen „Heimatspiele Porta Westfalica“ gegründet wurden, von vornherein keine „Heimat“-Spiele im engeren Sinne, sie widmeten sich nicht, wie andernorts ähnliche Einrichtungen im ländlichen Umfeld, als Volkskunstbühne der Pflege des dahinsiechenden Plattdeutsch, sondern griffen von vornherein nach den höher hängenden Trauben der klassischen deutschen Dramen. Dieses Konzept ging auf. „Aus gesammelten Pressekritiken kann nachgewiesen werden, dass schon nach 2 Spieljahren die Aufmerksamkeit aller deutschen Nachrichtenorgane geweckt worden war.“ Und schon 1929 konnte sich die Bühne mit dem Namen „Landesheimatspiele der Provinz Westfalen schmücken.

So kommt es nicht von ungefähr, dass die Initiative von der Bildungsanstalt des Ortes ausging. Im Sommer 1927 brachte der Rektor der Barkhauser Volksschule, Dr. Heinrich Hollo, seinen Gründungsplan zur Reife, den er schon 1925
, kurz nachdem er die Schule übernommen hatte, mit Eifer verfolgt und in Vorträgen propagiert hatte. Entscheidend unterstützt wurde er dabei von Landrat Petersen. Hollo gewann auch seine Lehrer-Kollegen Kleine-Kleffmann und Möbus für die Idee. Mit Konrektor Kleffmann und dem Lehrer Zurmühl leitete er gemeinsam den „Ortsausschuss für Jugendpflege Barkhausen a.d. Porta e.V.“ Dessen zehn - ausschließlich korporative - Mitglieder waren die Gemeinde, die Schule, die Berufsschule und alle mit Jugendarbeit befassten Ortsvereine. Satzungszweck war zwar allgemein die „Förderung der Jugendpflege und innerhalb der Gemeinde Barkhausen der Ausbau aller in ihrem Dienste stehenden Einrichtungen“. Doch der herausgehobene Zweck war „die Anlage einer Freilichtbühne und die Pflege des Laienspiels“.

Hollo hatte sich den Heimatspielen verschrieben. Doch er wollte nicht bloßes Theater machen, er wollte über das Theater „alt und jung zusammenführen“. In dem stillgelegten „Hutzeschen Steinbruch“ unterhalb des Denkmals erkannte er die ideale Kulisse für Stücke wie die Räuber, die Nibelungen oder den Tell. Auch sah er voraus - oder probierte es selb
er aus -, dass die winkligen, hohen Felswände eine ausgezeichnete Akustik gewährleisteten. Über diese natürliche Ausstattung der Porta-Bühne wird ein paar Jahre später der Direktor für germanische Sprachen an der New Yorker Columbia University schreiben: „Für manche Außenszenen ermöglicht sich dadurch eine sonst nirgendwo erreichbare spukhafte Realistik. Ohne künstlerische Dekoration und ohne Vorhang wurden mit den einfachsten Mitteln große szenische Wirkungen erzielt.“

Im September 1927 bittet Hollo die Provinz Westfalen um Bereitstellung des Steinbruchs. Der Landeshauptmann hat zwar keine grundsätzlichen Einwände, verlangt aber, dass Pläne vorgelegt werden. Am 9. Januar 1928 wird die Herrichtung der Bühne „auf jederzeitigen Widerruf gestattet“. Der Bauausschuss des Vereins bewirkt die Einrichtung eines Zuschauerraumes von sage und schreibe 4.000 Plätzen. Nachdem die Bühnengemeinschaft gegründet war, wurde mit unglaublicher Schnelligkeit der Spielbetrieb vorbereitet und publik gemacht. Zur reibungsloseren Finanzierung der Anlaufkosten übernahm die Gemeinde Barkhausen im Oktober 1927 eine Bürgschaft von 4.000 RM, die wenig später durch den Hotelier Carl Knoblich vom Kaiserhof und die Brauerei Feldschlößchen AG, Minden, auf 12.000 RM aufgestockt wurde. Gespielt werden sollte „Siegfrieds Tod“ von Friedrich Hebbel. Da die Bau- und Gartenarbeiten rechtzeitig beendet wurden, konnte im Mai 1928 der Spielbetrieb beginnen. Er erbrachte bis zum Ende der Spielzeit 41.000 M. Die abendlichen Darstellungen „erreichten oft eine Höhe bezwingender Eindruckskraft, wenn die flackernden Feuer die handelnden Gestalten seltsam beleuchteten, wenn bei Siegfrieds Tod wie von ungefähr Rabenruf aus den Lüften scholl, wenn über dem schwarzen Schweigen von Fels und Wald die Sterne brannten.“ Ein Jahr später wurden mit den „Räubern“ Einnahmen von 70.000 RM erzielt. 1930 wurde zwar eine Spielpause eingelegt. Sie diente aber nur der um so gründlicheren Vorbereitung des ehrgeizigen Planes für 1931: der Aufführung von Goethes „Faust, der Tragödie erster Teil“.

Es mutet im Rückblick und von außen betrachtet als ungemein kühn, ja naiv an, dass sich eine Laienspielschar, die kaum erst Erfahrungen hatte sammeln können, an eine derartig schwierige Aufgabe heranwagte, ohne in jedem Augenblick zu fürchten, hoffnungslos überfordert zu sein. Und es spricht für die Gestaltungskraft des leidenschaftlichen Theatermannes Hollo, dass es ihm gelang, das Stück zu einem großen Erfolg zu führen. Die Leute kamen von weither, um es zu sehen. Die „Deutsche Goethe-Gesellschaft“ besuchte mit ihren Mitgliedern mehrere Aufführungen und war so beeindruckt, dass sie der Porta-Bühne im Anschluss an die 50. Aufführung das denkbar höchste Gütesiegel „Goethe-Freilichtbühne Porta Westfalica“ verlieh. Frank Thiess war dort und schrieb dem Vorsitzenden Anerkennendes über den „Faust“ „in Ihrer herrlichen Naturbühne“. Selbst ein Gerhard Hauptmann, der im Goethe-Jahr 1932, als das Drama erneut gespielt wurde, eine Aufführung besuchte, war sich nicht zu schade, der Truppe und ihrer Bühne ein Gedicht zu schreiben (im Buch abgedruckt).
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