Robert Kauffeld, Bericht im Mindener Tageblatt:

 

Drachenfliegen am Wiehengebirge

 

Porta Westfalica - Barkhausen (rkm). „Dann fliegen Sie doch einfach mal mit“, sagt Fluglehrer Peter Bork, als ich ihm viele Fragen zu seinem Hobby stellen will, einem Sport, der mich immer wieder beeindruckt hatte, wenn ich Drachenflieger über dem Wiehengebirge schweben sah, die mehr an den Vogelflug erinnern, als das irgendein anderes Fluggerät könnte.

Und dann sitze ich mit Peter im motorgetriebenen Trike-Drachen – warm angezogen und mit dem vorgeschriebenen Helm versehen. Es geht alles ganz schnell. Der Motor heult auf, Rollen und Beschleunigen auf holpriger Wiese, und schon hebt der Drachen ab. Über uns die Tragfläche, aber rechts, links und vorn – beinahe nichts, ein paar Spanndrähte, ein Bügel zum Steuern, Instrumente für den Piloten, sonst freie Sicht. Schnelles Steigen bringt uns bald auf die Höhe des „Wilhelm“, und das Wiehengebirge zeigt sich in seiner vollen herbstlichen Schönheit. Nein, Angst bekommt man nicht, man ist beeindruckt von dem freien Schweben, von dem Blick über die Porta, sieht den Weserauentunnel mit dem Fahrradweg, dann Minden, die Innenstadt, das Wasserstraßenkreuz. Im weiten Bogen geht es wieder Richtung Wiehengebirge. Wir sind inzwischen 950 Meter hoch. Es ist ein wenig böig, aber Peter korrigiert schnell die Lage des Drachens, man fühlt sich sicher. Dann ist das neue Krankenhaus zu sehen und bald die Wittekindsburg mit der Startrampe der Drachenflieger. Schnell geht es wieder runter. Inzwischen fühle ich die Kälte, bei sieben Grad kein Wunder. Kräftige Böen bei der Landung, doch die sind für den erfahrenen Flieger kein Problem.

Der Flug war ein eindrucksvolles Erlebnis! Ich möchte jünger sein, dann würde ich nachdenken. . .

 

 

 

Muss man besonders mutig oder beinahe ein kleiner Held sein, um Drachenfliegen zu lernen? Peter Bork lacht, „nein, die selbsternannten Helden haben wir gar nicht gern. Die ein wenig Angst verspüren zu Beginn der Ausbildung sind mir die liebsten Schüler, die erweisen sich später als besonders zuverlässig“. Und er beschreibt den Weg der Ausbildung. Zunächst lernt man das Fluggerät genau kennen, übt auf einer flachen Wiese, läuft dann gegen den Wind und erkennt, wie die Strömung an der Tragfläche anliegt. Bei leicht geneigtem Gelände trägt sich der Drachen dann selbst, später auch den Piloten, zunächst nur wenige Meter, dann etwas mehr – immer noch geradeaus. Gewichtsverlagerung führt bald zu leichtem Kurvenflug. Nichts ist kompliziert oder schwierig. Man könnte auch alles loslassen: Der Drachen fliegt allein weiter. Und so steigert man die Höhe, lernt nebenbei Theorie über Aerodynamik, Wetter, Luftrecht, Verhalten in besonderen Fällen und – nicht zuletzt – Naturschutz.

 

 

Nach dem Lernausweis werden schnell der beschränkte und später dann auch der unbeschränkte Luftfahrerschein erworben. Und dann steht man auf der Rampe an der Wittekindburg, wie Moritz Disselhoff aus Höxter, der erst in diesem Jahr mit dem Drachenfliegen begonnen hat. Er wartet auf das Zeichen des Startleiters, läuft ein paar Schritte, und schon hebt er ab, kurvt sofort nach rechts in den Aufwind und kommt nach wenigen Minuten über unseren Köpfen zurück, um anschließend noch mehr Höhe zu gewinnen. Die zahlreichen Zuschauer sind fasziniert.

 

 

 

 

 

Der Delta-Club Wiehengebirge e.V. wurde 1983 gegründet und zählt jetzt etwa 100 Mitglieder. Nachdem ein Paderborner Verein bereits seit 1979 eine provisorische Startrampe an der Wittekindsburg betrieben hatte, übernahm der hiesige Verein 1984 die Anlage und baute mit Unterstützung vom Kreis Minden-Lübbecke eine neue „so richtig mit Statik usw. …“. Durch Eigenleistung der Kameraden konnte viel geschaffen werden, so auch der Ausbau einer alten Industrieanlage zur Halle mit gemütlichem Clubheim. Mehr als 60 Jugendliche wurden ausgebildet. Auch Frauen, wie Karin und Martina, wurden begeisterte Drachenfliegerinnen. „Zahlreiche Frauen wurden ausgebildet“, sagt Peter Bork, „doch werden sie oft mit der anstehenden Familienplanung erst mal für lange Zeit gegroundet…“ 

Mit der Natur verbunden fliegen sie, und dem Naturschutz fühlen sie sich verpflichtet. Im weiten Umkreis um ihre Startrampe wird der von gedankenlosen Besuchern hinterlassene Unrat immer wieder beseitigt. Mit dem Auto zur Wittekindsburg? – Nur in Fahrgemeinschaften, sonst gibt es Startverbot. Vorbildlich Mitglied Hans Otterpohl, mit 77 Jahren der älteste Flieger des Clubs. Der lässt tatsächlich oft sein Auto am Clubheim stehen und geht zu Fuß den steilen Berg nach oben. Sein Sohn Bernd ist übrigens mehrfacher deutscher Meister im Streckenflug; sein persönlicher Rekord vom Startplatz Wittekindsburg bis Kiel – stolze 242 Kilometer.

 

Grillabende, Ausflüge und gemeinsame Reisen  –  das Fluggerät wird natürlich mitgenommen – verbinden die Drachenflieger und ihre Angehörigen. Seit 25 Jahren fährt man gemeinsam nach

Lanzarote. Da liegen dann Frauen und Kinder am Strand und

manchmal mahnen sie über Funk die Flieger zur Landung, denn „der Kaffee ist fertig und wartet …“  Im November ist es wieder so weit. Der Passatwind lockt mit der Möglichkeit zu stundenlangen Flügen.

Internet: www.dcwiehengebirge.de

 

© Mindener Tageblatt 2007

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